Thursday, January 24. 2008
Weblogs und Journalismus - Adaption und Induktion
Die Beziehung zwischen Weblogs und Journalismus ist ein vieldiskutiertes Thema. Trägt man die aktuell vorhandenen Informationen zusammen, kann ein relativ genaues Bild der momentanen Situation gezeichnet werden. Kurzum die (gängige) These: Journalismus wird durch die Blogosphäre nicht etwa in seiner Existenz bedroht, sondern vielmehr ist die Beziehung zwischen Journalismus und Weblogs durch Komplementarität gekennzeichnet.
Weblogs als Medium sind zwischen statischen, asynchronen und asymmetrischen Standard-Internetseiten und dynamischen, synchronen und symmetrischen Web-Angeboten wie z.B. Chats zu verorten, wohingegen der klassische Journalismus eine weitgehend einseitige und asynchrone Kommunikationsform ist. Ausnahmen bilden Online-Angebote von Medien, wo häufig eine Kommentarfunktion Feedback ermöglicht. Ausserdem gibt es einige Medien, die selbst Weblogs in ihr Angebot aufgenommen haben (z.B. SF). Es findet also insofern seitens der etablierten Medien ein Adaptionsprozess statt.
Ein Blick auf mehr oder weniger aktuelle Studienergebnisse gibt weiteren Aufschluss darüber, wie der Journalismus mit Weblogs umgeht. Aus Jahn Schmidts „Weblogs - eine kommunikationssoziologische Studie“ entnehme ich (bzw. direkt von RSCG), dass in den USA (2005) 51% der Journalisten Weblogs lesen und dies zu 70% für arbeitsrelevante Gründe. 53% suchen in Weblogs neue Ideen für Artikel, 43% recherchieren Fakten, 36% suchen nach Quellen und 33% nach „breaking-news“ oder Skandalen. Ebenfalls sagten die Befragten den Weblogs eine rosige Zukunft voraus: „68% of respondents agree that blogs will become a more popular tool for corporations seeking to inform consumers while 56% agree that blogs will remain an independent and unorthodox means of disseminating information.“
Die Umfrage der Uni Leipzig unter mehr als 5‘300 deutschen Medienschaffenden ergab, dass zwei Drittel Weblogs kennen und 15% diese auch nutzen. 3,2% schreiben selbst Weblogs, 60% nutzen Weblogs für die Recherche, 51% zur Meinungsbildung, 46% zur Themensuche, wobei die Prozentzahlen z.B. unter den Internetjournalisten höher sind.
Über Klaus Eck und Jörg Petermann/Sven Lehmann bin ich auf eine Studie von Zogby International gestossen (2007), in der erwachsene Onliner in den USA befragt wurden. 55% sind der Meinung, Weblogs würden in der Zukunft eine wichtige Rolle im amerikanischen Journalismus einnehmen. 76% sagten, dass das Internet eine positive Auswirkung auf den professionellen Journalismus hatte (wobei 72% angaben, momentan mit der Qualität des Journalismus unzufrieden zu sein). Von den Teilnehmern an einer Konferenz der Medienindustrie – an der diese Studie vorgestellt wurde – stimmten 55% mit der Unzufriedenheit der Rezipienten überein. 61% glaubten sogar, die Medien seien heute nicht mehr fähig, den Rezipienten das anzubieten, was diese wirklich wollen. Von den Rezipienten wiederum wurden Blogs als Informationsquelle für „News“ nur von 30% als wichtig erachtet, während Webseiten (81%), TV (78%), Radio (73%), Tageszeitungen (69%) und Infos von Kollegen und Freunden (39%) eine höhere Wertschätzung geniessen. Für die Zukunft der Social Software und Blogs sehen die Befragten v.a. das Vertrauen/Glaubwürdigkeit als Schlüssel zum Erfolg (90%).
Es scheint (eher: es ist wirklich so), dass in den USA die (A-)Blogger einen höheren Status geniessen als hierzulande (gemeint: deutscher Sprachraum – gehört ja alles irgendwie zusammen, nicht?). Z.B. hat Marcel Bernet einen Artikel dazu geschrieben. Dies steht natürlich in engem Zusammenhang mit der Diffusion des Bloggens und des Blog-Lesens auf den verschiedenen Kontinenten. Nur etwa 1% aller Blogartikel sind in deutscher Sprache verfasst. Und im Vergleich zu z.B. den USA und Japan lesen noch eher wenige deutschsprachige Internetnutzer regelmässig Weblogs.
Ebenfalls über Klaus
Eck, bin ich auf die Studie
(2007) des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
gestossen, welche neben einem (nein - dem Besten!!!) Forschungsüberblick über
Nutzung und Verbreitung von Weblogs u.a. das Fremd- und Selbstbild der Blogger
und Journalisten verglich: „Die
Übereinstimmung mit der Sichtweise von Journalisten ist hoch: Die Redaktionsleiter
von Nachrichtenredaktionen sahen 2006 ganz ähnliche Stärken und Schwächen.
Fremd- und Selbstbild von Bloggern und Journalisten decken sich also
weitgehend.“ Und das Fazit von den Autoren Christoph Neuberger, Christian
Nuernbergk und Melanie Rischke:
„Insgesamt lassen die Ergebnisse darauf schließen, dass zwischen Weblogs und professionellem
Journalismus primär eine komplementäre, weniger eine konkurrierende Beziehung
besteht. Blogger sind auch in ihrer Gesamtheit kaum in der Lage, kontinuierlich,
thematisch universell und aktuell zu berichten und vor allem zu recherchieren. Grundsätzlich
ist anzumerken, dass die Prinzipien „Profession“ und Partizipation“ nicht unvereinbar sind. Derzeit
experimentieren viele Redaktionen mit neuen und weitergehenden Formen der Nutzerbeteiligung.
Dazu gehört auch die Integration von Weblogs in journalistische Websites.“
Ähnlich resümiert das der Autor eines Artikels über die Bieler Kommunikationstage im Bund: „Internetblogs verdrängen den professionellen Journalismus nicht. Blogger geben ihr persönliches Empfinden wieder. Die Stärke des Journalismus liegt in der Unabhängigkeit.“ Als gegenseitige Ergänzung (Komplementarität) müsse die Beziehung zwischen Journalismus und Weblogs betrachtet werden. Ausserdem habe der Journalismus noch den Vorteil einer erhöhten Glaubwürdigkeit meint z.B. Silvia Egli von Matt vom MAZ etwas idealisierend: „Das Wichtigste für die Journalisten sei die Glaubwürdigkeit. Diese werde geprägt durch das Bemühen um Wahrheit, die Loyalität gegenüber den Bürgern (und nicht gegenüber den Inserenten) sowie die Unabhängigkeit. „
Erneut beim PR-Blogger wurde ich auf die Brodeur-Studie aufmerksam („The online survey was conducted among a random sample of North American reporters and editors, and was focused on understanding how social media and blogs influence their work“). Ihr ist zu entnehmen, dass mehr als drei Viertel der Befragten US-Journalisten in Blogs „story ideas“ und „news angles“ sowie Einblick in die Tonalität einer laufenden Debatte oder Diskussion erhalten. Etwas weniger wichtig (46.9%)sind Informationen über „breaking news“. Über 20% lesen Blogs während mehr als einer Stunde am Tag und ca. 57% lesen Blogs mindestens zwei- bis dreimal in der Woche. Sehr beeindruckend ist die Zahl der Blogger. Mehr als jeder Vierte hat sein eigenes Weblog, und 16,3% haben eine eigene Social Networking-Page (vermutlich Seiten wie Xing, Linkedin, Facebook, Myspace…). Ausserdem sagen 47,5% der Befragten, dass sie zwar Weblogs lesen, aber selten Kommentieren („lurkers“). Etwa 23% haben eine Liste von 6 oder mehr Blogs, die sie mindestens einmal pro Woche konsultieren (einen bis fünf Weblogs lesen ca. 48% regelmässig und keinen lesen 29%). Die beliebteste Suchmaschine ist Google Blogsearch. Schliesslich meinen die Journalisten, dass die Blogosphäre einen signifikanten Einfluss hat auf die Geschwindigkeit von Nachrichten (74%), auf die Verfügbarkeit von Nachrichten (69%) und auf die Tonalität von Diskussionen (62%).
Weitere Informationen über die Web 2.0-isierung (könnte man auch von Digitalisierungseffekten oder der digitalen Sozialisierung srpechen?) des Journalismus erhält man von der „news aktuell“ Medienstudie 2007: „Nachdem Web 2.0 als Hype monatelang die Diskussionen der Medien- und PR-Branche dominiert hat, ist mittlerweile ein gesunder Realismus eingekehrt. Für die meisten befragten Redakteure ist Web 2.0 deshalb auch nicht mehr und nicht weniger als die logische Weiterentwicklung des Internets [25%]. Nur ein Prozent spricht von einer digitalen Revolution.“ Für 52% der Befragten hat das Web 2.0 nur eine geringe Relevanz für die journalistische Arbeit, für 25% eine hohe Relevanz, für 5% eine sehr hohe Relevanz und für 9% gar keine Relevanz. 12% führen selbst ein Blog und 13% kommentieren in Blogs. In Sachen Glaubwürdigkeit sind 36% der Meinung, dass der Autor für die Zuschreibung derselben essenziell ist, für 25% ist es die Gruppe/Initiator/Organisation/Firma, für 16% die Aktualität der Einträge und 7% halten Blogs allgemein für unglaubwürdig. Zur Themenfindung nutzen zumindest gelegentlich 25% der Journalisten Weblogs und 13% Podcasts. Für journalistische Quellen nutzen nur 18% mindestens gelegentlich Weblogs und 9% Podcasts. Interessant ist, dass die Journalisten Weblogs kaum als Bedrohung ansehen. 41% sehen in Weblogs eine Bereicherung, 34% sehen keinerlei Bedrohung und 15% sehen eine Bedrohung. Jedoch sollte Vorsicht geboten sein, da nur gerade 1% der Meinung sind, die deutschen Verlage und Medienunternehmen seien gut für die digitale Zukunft gerüstet (24% gut; 53% mässig; 11% eher schlecht; 2% schlecht).
Jörg Kantel publizierte 5 interessante Thesen zu einem „Missverständnis“, von denen ich mir eine Kleinigkeit herausgepickt habe: „Weblogs greifen in erster Linie Nachrichten auf und kommentieren sie, sie sind (noch) eher selten Original-Produzenten von Nachrichten.“ Ausserdem: „Weblogs besetzen Nischen, die von den ‚klassischen‘ Medien nicht mehr bedient werden.“ Und schliesslich: „Social Software ist keine Gefahr für den Journalismus, aber Journalisten werden in Zukunft Social Software für Ihre Arbeit nutzen. Und das wird nicht nur Auswirkung auf die Arbeit der Journalisten haben, sondern auch die Medienlandschaft verändern.“
Eine weitere interessante Quelle über das Verhältnis von Weblogs und Journalismus – auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte – bietet Till Achinger (Dozent an der Uni Münster am Institut für Kommunikationswissenschaft).
Schliesslich hat Aron Delwiche eine spannende Studie über Agenda Setting und Weblogs publiziert. Wie bei jeder Studie über Agenda Setting darf natürlich eine abgeänderte Version des Zitats von McCombs und Shaw nicht fehlen: „The key problem for agenda-setting theory will change from what issues the media tell people to think about to what issues people tell the media they want to think about“ (Chaffee/Metzger 2001). Diese Version hebt natürlich das Potenzial von User-Generated-Content hervor und geht soweit zu behaupten, die Weblog-Agenda hätte eine signifikanten Einfluss auf die Medien-Agenda. In seiner Studie vergleicht Delwiche die Medien-Agenda mit der Public-Agenda sowie mit der Weblog-Agenda (im Jahre 2002/3). Es konnte aufgezeigt werden, dass die Blogosphäre zu einem grossen Teil eine eigene Agenda hat, die sich mit dem Irak-Krieg und der Bush-Administration mit der Medien-Agenda überschnitt. Delwiche hypthetisiert ausserdem, die Weblog-Agenda könne möglicherweise die Medien- und Publikums-Agenda antizipieren, weil der Irak-Krieg in der Blogosphäre bereits früher kritisch beleuchtet wurde und die Medien diesem Trend folgten (oder hängt das damit zusammen, dass die Blogosphäre allg. kritischer ist?). Auf jeden Fall folgert er daraus, dass Blogger als Opinion Leader (bzw. Indikatoren für Trends) fungieren und im Sinne von Brosius und Weimann „[…] collect, diffuse, filter, and promote the flow of information.“ Wobei angemerkt sei, dass diese Aussage nicht durch die Daten gestützt wird, und nur eine Folgerung aus Indizien ist. Sicherlich hat die Blogosphäre zu einem beachtlichen Teil eine eigene von der Medien-Agenda abweichende Agenda. Dennoch wird der eifrige Blog-Rezipient nicht übersehen haben, dass sich ein grosser Teil von Blogeinträgen auf Themen aus den Massenmedien beziehen. Sicherlich muss aber auch berücksichtigt werden, dass die Blogosphäre solche schwachen Signale produziert, die Indizien für spätere Entwicklungen von Themen und Issues signalisieren.
OK, fassen wir also
die einzelnen Aspekte nochmals kurz zusammen:
- Weblogs und der traditionelle Journalismus stehen in einer Wechselbeziehung, die durch Induktionen und Adaptionen gekennzeichnet ist: Weblogs und Journalismus sind komplementär! Im Gegensatz zur Beziehung von PR und Journalismus (Intereffikation/Interdependenz), bedingen sich Weblogs und Journalismus gegenseitig nicht.
- Weblogs, insbesondere J-Blogs, betreiben einen Nischenjournalismus der sich gleichwohl an den journalistischen Standards (Quellentransparenz etc.) orientiert.
- Reichweitenstarke Weblogs tendieren längerfristig zu einer Kommerzialisierung durch Werbung und gleichen so den Massenmedien im Finanzierungsmodell. Ausserdem geniessen diese A-Blogs überproportionale Aufmerksamkeit („power-law“). Diese auf einzelne Knoten zentrierte Kommunikations-Struktur führt wiederum zu einer Art Professionalisierung und einseitigem Senden (statt Austausch): Der Dialog findet hier eher unter den Lesern statt, als zwischen Lesern und Autor.
- Journalisten auf der anderen Seite passen sich insofern an, als sie mittels eigenen Weblogs die authentische und subjektiv gefärbte Schreibe von Bloggern übernehmen (oftmals Kolumnisten).
- Der Online-Journalismus übernimmt technische Funktionen von Weblogs: z.B. RSS-Feeds.
- Die Blogosphäre dient den Journalisten als Recherche-Fundgrube: Sie finden darin Themen, Quellen, neue Trends, Inspiration und wahrscheinlich vieles mehr.
- Die Journalisten finden in Weblogs sogar eine Bewertung ihrer eigenen Arbeit: z.B. Bildblog.
- Blogger auf der anderen Seite beziehen sich oft auf Themen aus den Massenmedien und sorgen somit für eine Anschlusskommunikation. Oft wird in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass die „interpersonale“ (computervermittelte) Kommunikation eher zu Meinungsänderungen und –Einstellungen führt als der direkte Konsum von Massenmedien. Dadurch, dass Themen aus den Massenmedien im „Echo-Chamber“ der Blogosphäre warmgehalten werden (u.a. auch neue Akteursstrukturen, Deutungsrahmen und Kontexte hinzukommen), kann der Journalist ausserdem einen potenziellen Anschlusspunkt für eine Rethematisierung finden.
- Journalisten können sich (wenn sie wollen) aktiv am Dialog mit den Bloggern beteiligen.
- Journalisten haben den besseren Zugang zu gesamtgesellschaftliche relevanten Ereignissen (wobei Blogger z.B. immer öfter zu Pressekonferenzen eingeladen werde). Dafür sind Blogger oft die besseren Quellen für Informationen/Ereignisse aus der Online-Welt.
- Nicht zu vergessen ist die Marketing-Macht der etablierten Verlage und die noch relativ bescheidene Blogleserschaft im deutschsprachigen Raum.
Fügt man nun alle genannten Aspekte einem grossen Topf bei und rührt ein wenig, könnte so etwas wie das folgende Modell dabei herauskommen.

Owner login


